Ein Traum fürs Leben

Es muss im Winter 1996/1997 gewesen sein. Ich hatte mein Studium beendet, arbeitete seit ca. eineinhalb Jahren freiberuflich als Ingenieur und hatte mein erstes Geld verdient. Es fühlte sich gut, an, eigenes Geld auf dem Konto zu haben. Und so ließ ich mich überreden, mit meinem Freund und Schulkameraden zusammen in besagtem Winter nach Kanada in die Monashees zu fahren. Im Vorfeld war eine Woche in Lake Louise zum Akklimatisieren und Skifahren gebucht, und so verbrachten wir über Heiligabend im Posthotel die erste Woche. Mit unserer Ankunft war eine Kältewelle über Kanada hereingebrochen, und so hatten wir bei schönstem Sonnenschein ca. -25 bis -30 Grad. Der Schnee war trocken, und die Ski klebten förmlich am Boden.

Mit guten Klamotten und Maske hatten wir trotz dieser Kälte unseren Spaß, die Hänge hinunterzurauschen und fuhren Rennen mit einem weiteren Klassenkameraden, der uns für diese Tage besuchte. Bereits das war eine völlig neue Erfahrung in verschiedener Hinsicht. Die weite Reise, das Wetter beim Skifahren und der Lebensstandard, den ich so nicht kannte. Für meinen Freund war dies bereits einer von vielen Urlauben dieser Art. Daher war alles organisiert und bestens geplant.

Es kam der Tag, an dem wir in das Monashees-Gebiet mit dem Bus unterwegs waren. Wir fuhren zuletzt fast zwei Stunden, ohne eine Menschenseele oder ein Auto gesehen zu haben. Ab jetzt gab es nur noch neue Erfahrungen! Im Skigebiet angekommen, deckte ich mich noch mit den wichtigen Dingen (guten Handschuhen, Jacke und Fleece) ein. Wie in einer Art Kaufrausch erstand ich die mit dem CMH-Zeichen versehenen Produkte, die teilweise heute noch gute Dienste leisten. Als es ans Beantragen der entsprechenden Tiefschnee-Skier ging, unterschrieb ich bereits das zweite Mal, dass im Falle eines Unfalles mit Todesfolge keine Ansprüche etc. bestehen. Das war mehr wie neu und hinterließ ein mulmiges Gefühl. Der Tipp meines Freundes, die Skibindung auf „maximal fest“ einstellen zu lassen konnte ich aus besagtem Gefühl zuerst nicht folgen, und so beließ ich es bei der mittleren Einstellung. Ein Fehler, wie sich später herausstellen sollte.

Am nächsten Morgen fanden nach dem Frühstück kurze Übungen zum Umgang mit Lawinen statt, und wir wurden mit entsprechenden Sendern ausgestattet. Dann kam der Hubschrauber, und wir starteten in das Gebiet. Plötzlich hatte ich zum ersten Mal in meinem Leben Todesangst. Ich wurde sentimental und irgendwie streifte mein Leben in Kürze an mir vorbei, während wir auf den Berg flogen.

Jetzt war es zu spät und es ging los mit der ersten Fahrt. Ich machte schnell die Erfahrung, dass der Tipp meines Freundes gut war, denn ich verlor mehrmals die Skier im tiefsten Schnee – und das kostete mehr Kraft als alles andere. In diesem Winter gab es bereits eine warme Regenzeit, die Schneeschichten waren nicht verbunden und so war die Lawinengefahr sehr groß. Wir mussten immer die Freiflächen meiden und innerhalb der Bäume fahren. Was ich nicht wusste: Für einen blutigen Anfänger wie mich war dieser Trip nicht der richtige. Das Fahren auf baumlosen Berghängen wäre sicherlich zum Üben besser gewesen. Aber mein Freund hatte dies schon mehrere Male hinter sich und fand es "langweiliger". Also hatte er dieses Gebiet gebucht – mit dem Hinweis, dass ich ein geübter Tiefschneefahrer sei. 

Wow, ich glaube ich hatte niemals einen höheren Puls! Natürlich fuhren wir beide zusammen, aber es gab auch sensationelle Stürze, die aufgrund der Schneemassen keinen Schaden hinterließen. Aber die Gruppe musste warten. Es galt immer die Devise: Im Baum ist die Chance und nicht die Gefahr. Diese Bäume waren 30 Meter hoch und voll mit schwerem Schnee bedeckt. Es schneite ununterbrochen und wurde immer wärmer. Ein Sturz in ein sogenanntes Hole, also in den Trichter unter dem Baum, hätte mein lebendiges Grab sein können. Also immer schön zwischen durch.

Dennoch, es war ein Traum! Auch wenn ich gegen Mittag konditionell am Ende war und zurück in die Lodge flog. Ich lernte, was es bedeutet, gute und teure Klamotten zu tragen. Auch meine Brille war mit Ventilator ausgestattet, um das Beschlagen durch den Dampf aus dem Skianzug einigermaßen im Griff zu halten …

Dann feierten wir dort Silvester, und zwar mehrmals, da die unterschiedlichsten Nationalitäten von Fernost, Europa und Nordamerika nacheinander auf den Neujahrsbeginn anstießen. Ich lernte sehr nette Menschen kennen, und es war das Größte, dass es keine Unterschiede gab sowohl in der Ausstattung der Unterkünfte, als auch zwischen den Menschen untereinander. Menschen, die große Konzerne irgendwo auf der Welt leiteten und mir, der als Studienabsolvent gerade erst in die Arbeitswelt geschnuppert hatte, begegneten sich auf Augenhöhe. Die Guides taten alles, damit wir uns wohl fühlten.

Bis zuletzt waren das neue und tolle Erfahrungen die ich machen durfte, und diese Erinnerungen bleiben für mein Leben bestehen.

Der Traum, einmal wieder so etwas zu erleben blieb bis jetzt ein Traum. Dafür hab ich mit bereits 50 Jahren eine zweite Familie mit zwei Jungs, die mich glücklich machen – und es ist ja noch lange nicht Schluss mit Lustig!

Andreas Müller-Jend